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Whole New Thing

Whole New Thing

Regie: Amnon Buchbinder
Produktion: Kanada 2005

Länge: 92 Min.


Stabliste:   Darsteller:  
Produzenten

Drehbuch
Kelly L. Bray,
Camelia Frieberg
Amnon Buchbinder,
Daniel MacIvor
Aaron Webber, Rebecca Jenkins,
Robert Joy, Callum Keith Rennie,
Daniel MacIvor


Weltvertrieb/Produktion: THINKFilm
Verleih: Pro-Fun Media
DVD-Vertrieb: Pro-Fun Media

Awards:
Victoria Independent Film & Video Festival 2006
– Best Canadian Feature

Whole New Thing - Szenefoto Zum Inhalt:

Als der 13-jährige Emerson erstmals in seiner Schule auftaucht, wirkt er wie ein Wesen von einem anderen Stern: Bislang ausschließlich von seinen Hippie-Eltern in der Isolation der kanadischen Wildnis nach bestem Wissen und Gewissen, aber mit der Limitierung der Hardcore-68er erzogen, soll der einerseits naive, andererseits betont neunmalkluge Emerson nun auch das Leben jenseits der streng ökologischen Weltsicht seiner Eltern kennen lernen. Das bedeutet, wenig überraschend, einige Male eine blutige Nase von den Mitschülern, denen Emersons ungeschminkte Art fremd ist und die erstmal draufhauen, wenn sie etwas oder jemandem begegnen, das oder den sie nicht kennen. Das bedeutet aber auch, dass der bislang triste Englischunterricht von Lehrer Don auf einmal eine interessante Angelegenheit für alle wird, denn Emerson nimmt kein Blatt vor den Mund. Bis sich die aufkeimende Sexualität des Jungen in einer flammenden wie gefährlichen Zuneigung für den Lehrer äußert. Gefährlich deshalb, weil den heimlich schwulen Don, dessen Outing in dem Provinznest sicher für einige Aufregung sorgen würde, ein falscher Schritt schnell den Job kosten kann.

Whole New Thing - Szenefoto Zum Film:

Amnon Buchbinders wie zufällig bebilderter Film zeichnet sich durch seine genauen Beobachtungen und seine entspannten und dabei sehr witzigen Dialoge aus. (Emersons Vater empfiehlt dem Sohn, der Masturbation den Vorzug vor feuchten Träumen zu geben, weil man die Bettwäsche weniger oft waschen und damit einen Beitrag zum Umweltschutz leisten würde.) Dabei ist die Geschichte einer bisexuellen Erweckung nur eines der Themen, die der kanadische Filmemacher auf ebenso kluge wie einnehmende Weise anschneidet: Zugleich sinniert er aus erwachsener Sicht darüber, wie viel vom Idealismus junger Jahre am Ende übrig bleibt, wenn man mit Problemen des Alltags konfrontiert wird. Dass Emersons Mutter sich von ihrem Ehemann vernachlässigt fühlt und eine Affäre mit einem jüngeren Mann beginnt, bildet einen prickelnden Kontrapunkt zu der Entdeckungsreise ihres Filius, der als Unschuld vom Lande das Leben aller durcheinander wirbelt, mit denen er in Berührung (oder fast in Berührung) kommt. Das Ergebnis ist verblüffend: Buchbinders Porträt ungewöhnlicher Figuren in vermeintlich gewöhnlichen Situationen ist so auf den Punkt, so dicht in die Textur seines Films verwoben, dass man nicht nur viel über sie, sondern auch über sich selbst und den eigenen Blick auf die Welt lernt.


Whole New Thing - Szenefoto Unsere Meinung: Was für ein Thema für einen spekulativen Reisser. Der unschuldige Knabe und eine zwilichtige Affäre mit seinem mehr als doppelt so alten Lehrer. Schon alleine bei der Inhaltsangabe jaulten US-Zuschauer auf und überboten sich in Foren mit Vorwürfen und Befürchtungen. Ein Plädoyer für Kinderschänder wäre das, schwule Propaganda und was nicht alles.

Nichts davon stimmt natürlich, denn der Film von Amnon Buchbinder zeichnet sich vor allem dadurch aus, daß er gekonnt Erwartungen unterläuft und Klischeesituationen unerwartet auflöst.
Nicht nur, daß der Lehrer keinerlei sexuelles Interesse an seinem Schüler hat und ihn lediglich als Mensch ernst nimmt, auch ansonsten spielt der Film geschickt mit Situationen die bekannt sind, denen er aber letztlich eine realistische Wendung gibt.

Whole New Thing - Szenefoto Emerson ist eine glaubwürdige Figur, weil er zwar alle Merkmale eines frühreifen, hochintelligenten Teenagers besitzt, aber dennoch kein perfekter, allwissender Junge ist. Grade die Momente die ihn zu überschwenglich, zu emotional und zu irrational handeln lassen, die im krassen Kontakt zu seiner gewählten Ausdrucksweise und seinem intellektuellen Witz stehen, machen aus ihm einen lebendigen Dreizehnjährigen. Die Unaufgeregtheit und unhysterische Art und Weise mit der der Film Emersons Werben um die Zuneigung seines Lehrers zeigt, wie auch der Schock der Ablehnung und der Schmerz der Erkenntnis, das sein Lehrer in ihm nur einen Schüler sieht, heben den Film weit über alles spekulative heraus.

Whole New Thing - Szenefoto Es gibt dutzende Filme und Stories in denen sich pubertierende Mädchen in ihren Lehrer verknallen und fast niemand der sich darüber groß echauffieren würde. Hier gelingt es, eine ähnliche Geschichte mit einem jungen Schwulen zu erzählen, ganz ohne den Krampf üblicher Coming-Out-Stories, denn für Emerson ist es nie eine Frage ob er schwul oder hetero ist. Dazu ist er viel zu liberal und akzeptant erzogen. Er steht zu sich und beobachtet neugierig seine Welt, seine eigenen sich entwickelnden Gefühle und die Veränderungen in seiner Familie.

Buchbinder hat mehr zu erzählen, als nur ein ein Coming-Out und macht nie den Fehler die übrigen Figuren als dramaturgische Füllsel zu betrachten. Sowohl Emersons Eltern,die ihre eigene Krise zu meistern haben, als auch Lehrer Grant sind ausgearbeitete Figuren mit einem Leben jenseits ihrer Beziehung zu Ermerson. In kurzen, amüsanten wie dramatischen, wortwitzigen und anrührenden Szenen, wird hier ohne Pathos von Menschen im Übergang erzählt. Ein „Coming of Age” nicht nur für den Dreizehnjährigen, sondern auch für seine Eltern und seinen Lehrer.

Optisch eher solide, ohne jede Sperenzchen aber mit sicherem Gespür für Details, besticht „Whole New Thing” durch eine dichte Atmosphäre, sympathische, glaubwürdige Schauspieler (allen vorran der Newcomer Aaron Webber als Emerson und der entfernt an Bob Hoskins erinnernde Co-Drehbuchautor Daniel McIvor als Donald Grant) sowie eine melancholisch-heimelige Musik von David Buchbinder, die einen nachdenklich aber optimistisch durch die Geschichte begleitet und schließlich mit einem positiven Gefühl aus dem Kino entlässt.

Ein kleiner, wunderbarer Film, dem unbedingt ein großes Publikum zu wünschen ist.

Unsere Meinung mit freundlicher Genehmigung von www.fuenf-filmfreunde.de


©  19.05.2013 gay-web e.V.

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